Verhaltensanalyse vs. Verhaltenstherapie

Vor eineinhalb Jahren habe ich einige Begrifflichkeiten aus diesem Themenbereich falsch zugeordnet und auf Grund dessen sehr viele Sachverhalte komplett falsch eingeschätzt. In diesem kurzen Artikel gehe ich näher darauf ein, damit andere Internetuser nicht denselben folgenschweren Fehler machen, den ich gemacht habe.

Bevor ich zum eigentlich Thema komme, kurz ein paar Infos zu mir: In den Jahren 1995 bis 1999 befand ich mich in einer stationären – konkret psychosomatischen – Einrichtung. Mit sehr kurzen Unterbrechungen waren es tatsächlich vier Jahre am Stück. So etwas wäre heute auf Grund der starken Regressionsgefahren nicht mehr möglich und auch damals war es nicht die Regel, mit Ausnahme schwer kranker Patienten.

Die Klinik, in der ich mich vier Jahre lang befunden habe, war auf Verhaltenstherapie spezialisiert. Der Begriff „Verhaltenstherapie“ ist mir also bestens bekannt und vertraut. Im Nachhinein habe ich zusätzlich einige Schulungen und Kurse besucht, um mir psychologisches Wissen anzueignen. Somit hatte ich Zugang zu der psychologischen Innen- und Außenperspektive.

In dem Zusammenhang war mir natürlich auch das Thema „Konditionierung“ geläufig. Hierbei wird zwischen der klassischen und der operanten Konditionierung unterschieden, die letztere Variante – eine Form des Lernens – wurde (und wird) auch in der Verhaltenstherapie eingesetzt. Obwohl mir immer bewusst gewesen ist, dass man mit Konditionierungen auch Missbrauch betreiben kann, war dieser Begriff für mich positiv besetzt. Ja mehr noch, Konditionierungen waren und sind für mich ein ganz normaler Bestandteil des gesamten Lebens.

Anfang 2023

Zu Jahresbeginn 2023 wurde ich das erste Mal mit dem Begriff ABA (Applied Behavior Analysis) [1] konfrontiert und damit, dass es zwischen einigen GWUP-Mitgliedern und einem Kreis Autist:Innen eine sehr harte Auseinandersetzung zu geben schien. Während dieses Disputs fielen auch immer wieder die Begriffe und Formulierungen „Verhaltensanalyse“ und „Konditionierung des Verhaltens“. Ich schlussfolgerte also, ABA sei ein Bestandteil der Verhaltenstherapie.

Doch allem Anschein nach gab und gibt es diese Verwechslungsgefahr nicht nur bei mir. So fand ich kürzlich auf Twitter/X einen Hinweis, dass viele Menschen diesen Unterschied von Verhaltensanalyse und Verhaltenstherapie nicht kennen (bzw. erstere nicht in allen Bedeutungsmöglichkeiten) und sich auf Grund dieser Vermischungen fragen, warum ABA denn so schlimm sei.

Es gibt mehrere Gründe dafür, dass ABA und Verhaltenstherapie durcheinandergebracht werden. Ich möchte hier im Folgenden auf einige eingehen.

Im Jahre 2009 ist der Begriff „Autismusspezifische Verhaltenstherapie (AVT)“ eingeführt worden. Vera Bernard-Opitz schreibt dazu:

Autismusspezifische Verhaltenstherapie (AVT) und Applied Behavior Analysis (ABA)

Sie versucht im Folgenden zwar auf einige Unterschiede zwischen ABA und AVT hinzuweisen, betrachtet man allerdings ihre PDF im Ganzen, so lässt sich feststellen, dass es diese Unterschiede nicht gibt. Dies führt zur berechtigten Frage, ob der Begriff „Autismusspezifische Verhaltenstherapie“ extra eingeführt wurde, um etwas zu verschleiern oder Menschen in die Irre zu leiten, so wie ich einst in die Irre geleitet wurde. Wenn das der Fall ist, so stellt sich weiters die Frage: Warum?

Behavioristen betonen sehr gerne, dass der Behaviorismus – im Gegensatz zu allen anderen psychologischen Disziplinen – einen objektiven und naturwissenschaftlichen Zugang zum Verhalten bietet. Auch erwähnen sie oft und gerne den Behandlungserfolg, der damit einhergeht.

Muss man sich in dem Fall nicht erst recht fragen, wieso es Not getan hat, einen neuen Begriff einzuführen (AVT), der mit einer unwissenschaftlichen Methode assoziiert wird? Und wieso wurde ABA noch nicht staatlich anerkannt bzw. eingeführt, sodass die Kasse – wie auch bei der fundierten Tiefenpsychologie und Verhaltenstherapie – jegliche Kosten übernimmt?

Diese Überlegungen führen zur grundsätzlichen Frage: Worum geht es bei ABA tatsächlich?

Anfang des 21. Jahrhunderts war ABA in Deutschland noch komplett unbekannt. Es gibt einige Behavioristen – darunter Christoph Bördlein aus dem GWUP Wissenschaftsrat – die sich seit Jahrzehnten um eine Popularisierung bemühen. Und auch hier frage ich mich: Warum?

Ich habe noch keine endgültigen Antworten, bin aber auf der Suche danach. Siehe dazu auch meine direkten Fragen an C. Bördlein:

Jedenfalls hoffe ich, dass ich in diesem Beitrag für die Begriffsverwirrung rund um Verhaltensanalyse sensibilisieren und diesbezüglich einiges erklären konnte.

[1] Ich habe an der Stelle bewusst eine PDF-Bachelorarbeit verlinkt, in der versucht wird, weitgehend neutral zu erklären, worum es bei ABA geht, da diese neutralen Schilderungen im Internet nur schwer zu finden sind: Eine wissenschaftliche Betrachtung kontroverser Standpunkte.

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